Fassweihe

Nach zweimaliger Verschiebung sollte es am 5. Juni 2021 zur ersten weltenwirksamen Maßnahme des Heimatvereins Martin Luther Platz kommen. Wie der Gründungmythos des HMLP besagt, wollte der Gründungsvater einmal im Leben ein Messingschild in der Vereinskneipe angebracht sehen. Aber woran? In einer der ersten Vereinssitzungen nach der Konstitution, so die Legende, fiel der Blick der Frühstücksdirektorin auf das still rottende Pflanzfass neben dem Eingang der Vereinsbutze. Ein Traum war geboren. Er sollte Realität werden.

Um 17:00 Uhr trafen sich Träumer und Realisten vor der Vereinsbar. Nach erfolgter Stärkung, angetrieben von einem leicht fickrigen Bademeister, nahmen die zur körperlichen Arbeit neigenden Mitglieder, unter Anleitung der intellektuellen Speerspitzen des Vereins, den Fasswechsel vor.

Die Notwendigkeit elektronisch unterstützter Vorbereitung (Exceltabelle) war schnell erwiesen.

Der Arbeiter ist kein Planer, der Planer nichts ohne den Werktätigen. Heimatvereint jedoch sind beide zu Großem im Stande. Nach nur dreißig Minuten stand das neue Pflanzfass in frischem Firnis, neu beerdet an exakt der Stelle neben der Vereinsrestauration, an welcher gestern noch das alte müde ächszend faulte. Schöpfungserhaltend wie ein Verein mit „Heimat“ und „Luther“ im Namen zu sein verpflichtet ist, wurde dem neuen Fass der alte Baum zur Aufzucht implantiert.

Daß ein Heimatverein in die Zukunft blickt, unterstrich man durch die Anbringung eines Vogelhauses in den Farben der Vereinsstampe.

Daß damit im Außenbereich Auswirkungen auf die Außenwirkung verbunden sind, erklärt, daß der Hausbau vom Außenbeauftragten ausgeführt wurde. Daß der Adlerhorst bewegungsgemeldet beleuchtet wird, zeigt an, daß der Heimatverein über seine Heimat wacht. Schlussendlich wurde am Fass die Keimzelle, das Spermium, Genesis und Urschuld des Heimatverein Martin Luther Platz angebracht: das Messingschild.

Der Vorstand und Wirt des Vereinsdomizils brachte die Eierlikörbecher und befüllte sie mit seinem besten Jahrgang.

Neunzig Minuten bis zur feierlichen Weihe, wurde den Werktätigen Zeit gegeben, Schweiß und Blut vom geschundenen Körper zu waschen und ihr Festagskleid überzuwerfen.

Punkt 19:30 Uhr, am 5. Juni 2021 hielt der Begriffsbeauftragte eine kurze, aber prägnante Rede an die Vollversammlung. Visionär und doch nicht geschichtsvergessen, intelektuell ohne Elitismus, metaphorisch ohne verquast zu sein, traf sie den Nerv der Zeit wie den der Anwesenden. Stehende Ovationen und minutenlanger Beifall waren Ausdruck der kollektiven Euphorie, für einen Traum ein Faß aufgemacht zu haben.

Vollends zur Ekstase gelangte die volle Versammlung, als die Frühstücksdirektorin gemeinsam mir der Gleichstellungsbeauftragten zur Tat schritt. Elegant richteten sie den Blick auf das schmale Band, welches die Vergangenheit von der Zukunft trennt und zerschnitten es mit ihrer jeweils eigenen Schere.

Der Weg war frei, das Messingsschild zu enthüllen und das endlich wieder Leute an die Bierluke konnten.

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